Ein Abend

Ein Abend auf der Rigas iela/Rigaer Straße in Daugavpils. Nur ein Smartphone-Foto.

Wie die Musik aus dem Fenster fließt –
gleichsam einer Gruppe roten Blutes,
in das sich ferne Stimmen mischen
und das gläserne Läuten des berauschenden Weins.

Und die Straßen der Nacht
schwanken zu dem Takt von Zoi,
atmen das Blut der Unvergänglichkeit ein
und strahlen es in Aquariumfarben aus.

Wie alles einander liebt und widerspricht

Der Tote ist unsterblich – eher tot bin ich
Ich gehe hier – die Väter nicht
Die Stadt ist ein großes Meer – das Meer ohne einen Horizont
Unter der Sonne sind wir nirgendwo – irgendwo unter dem Mond

nur nicht ganz hier.

Und das Glas schlägt ein Uhr nachts –
gerade noch war es neun.
Ich will ein Teil dieser Blutgruppe sein,
hinter dem Fenster unter dem Dach.

Aber ich gehe weiter in glücklichem Leid:
Um eine Zigarette bittet forsch ein alter Mann,
ein junger sympathisch um einen Spaziergang
und um einen Blick in seine Seele.

Ich gehe mit. Warum auch nicht? –

Ich habe ihm in die Seele geblickt
und da war Zoi und da war Blut,
da war ein Kind, da war Liebe, da war Wut,
ein Hauch von Angst, viel Sehnsucht,

und in seinen Augen mein Spiegelbild.

Danach habe ich ihn nie wiedergesehen.
Zoi fließt nicht mehr aus dem Fenster
und ich kann ihn auch nicht fragen:
„Letzter Held, wo bist du hin?“


Anmerkung:
Viktor Robertowitsch Zoi (Russ. Виктор Робертович Цой), *21.06.1962 † 15.08.1990, ist vor allem durch seine Musik zu einer Rocklegende geworden, da er mit seiner Band „Kino“ als einer der Pioniere des russischen Rocks gilt. Seine Texte sind äußerst poetisch, äußerst kritisch, die Musik punkig.
Eines seiner bekanntesten Lieder ist wohl „Blutgruppe“, „Группа крови“

Meine Gefährten

Bücher

Während des Packens denke ich darüber nach, welche Bücher ich mitnehmen soll. Bücher sind für mich ein Stück Zuhause, etwas, in das ich mich versenken kann, wenn ich aus der Realität fliehen möchte und damit gleichzeitig etwas über die Realität verstehen möchte. Deshalb habe ich die Bücher, die ich letztendlich mitnehmen werde, liebevoll meine Gefährten genannt.

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Aufbruch nach Lettland

Lettland-Flagge Land

In einer Woche fliege ich für ein Semester nach Lettland. Ich habe mir vorgenommen, während meiner Zeit in Lettland einen kleinen Blog innerhalb meines Blogs zu führen. Über die Schwierigkeiten, aber vor allem auch über die neuen Erfahrungen, die ich während meines fünfmonatigen Aufenthalts in Lettland machen werde. Dieser Eintrag soll einen Einblick über die Startschwierigkeiten und auch ein paar Denkanstöße zur Planung geben.

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Людина – людяна. Der Mensch ist menschlich.

Menschen in L'viv
Foto: Julia Stumpf

Ein paar allgemeingültige Worte auf Ukrainisch in Form eines Gedichts, das ich den Menschen widme, die gemeinsam mit mir in der Ukraine waren. Weiter unten findest du die deutsche Version.

Декілька універсальних слів українською у формі вірша, який я присвячую тим людям, які були зі мною в Україні. Німецька версія нижче.
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Übermalt

Zerstörte Stadt - Übermalt

Als ich Anfang Oktober in der St. Peter-und-Paul Garnisonkirche in L’viv stand, vergaß ich, dass ich mich in Kirchen meistens unerwünscht fühle. Im linken Flügel stand ich, an einer errichteten Gedenkstätte für die im jetzt stattfindenden Krieg in der Ostukraine gefallenen Soldaten. Die Gefühle überwältigten mich. Ich wusste schon in der Kirche, dass ich darüber werde schreiben müssen, weil es mich sonst nie loslassen wird. Im Gedicht „Übermalt“ versuche ich, über den Krieg zu schreiben ─ so, wie er sich mir in der Kirche gezeigt hat.
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