Auf der Suche

Auf der Suche. Foto: Julia Stumpf
Ein paar einleitende Worte: Der Text „Auf der Suche“ ist ein sehr persönlicher Text, den ich im Februar 2016 geschrieben und auf meiner ersten eigenen Lesung „Über allem steht die Libelle“ vorgetragen habe.


Ich weiß nicht, wer ich bin, was ich bin, woher ich komme, wohin ich gehe.

Ich kenne nicht die Stadt, in der ich geboren wurde und auch nicht das Land, in dem ich die ersten zwei Jahre verbracht habe. Ich bin schon einmal geflogen und weiß nicht, wie es war. Dreiviertel meiner Großeltern habe  ich nie kennengelernt und einen Onkel von mir konnte ich auch nie kennenlernen.
Ich weiß nicht, ob meine Familie noch ganz meine Familie ist und wenn nicht, wer ist es dann?
Ich gehöre nirgendwohin, nirgendwoher, nirgendwoweg und nirgendwower.
Ich vergesse mich und kann mich nicht erinnern. Wenn ich mich erinnere, sind es die Erinnerungen von jemand anderem.
Schreie werden zur Musik, Musik wird zu Schreien und quietschende Züge auf den Schienen waren schon immer Schreie. Ich will schreien und lächle stattdessen, will lächeln, aber weine stattdessen.
Jeden Tag suche ich mich. Jeden Morgen beginnt ein neuer Tag auf der Suche nach meinem Ich. Ich versuche mich. Probiere mich. Ich versuche jeden Tag auf’s Neue, mich selbst zu finden, mich selbst zu erkennen, mich kennenzulernen. Aber ich finde mich nicht. Ich weiß, dass ich irgendwo bin, aber wo, das weiß ich nicht.
Ich stehe vor meinem Publikum und trage mein Innerstes vor. Zeige ihm mein Herz. Meine Seele. Mein Blut. Und ich weiß in dem Moment, dass ich irgendwo darin stecke. Feststecke. Nicht herauskomme. Ich. Komme. Da. Nicht. Raus.
Ich kann nicht vergessen, wer ich mal sein wollte. Und wer ich sein will. Aber all‘ das bin ich nicht. Und bin ich doch.
Ich wusste nach der Lesung auch, dass ich alleine sein wollte. Ich wollte mich finden. In diesem Augenblick, nach der Lesung, war ich so nah dran. Aber der Augenblick ist vergangen. Und ich war noch mehr verloren als vorher.
Ich wollte schreien: Bitte, findet mich! Sucht mich! Ich kann das nicht alleine.
Ich sagte, es sei mein Kampf. Es ist auch mein Kampf.
Ich sagte, dass ich den Weg ins Licht nur alleine gehen kann. Und dennoch wünsche ich mir Hilfe.
Ein Mensch hilft mir. Es ist sein Beruf. Anderen Menschen zu helfen, sich selbst zu finden.
Wie lange dauert das noch?
Wie lange suche ich noch? Wie lange soll ich noch in einer Haut feststecken, von der ich nicht weiß, ob es meine ist? Die ich immer wieder vergesse, verzweifelt auf der Suche nach mir selbst. Die ich immer wieder verletze, um mich zu vergewissern, dass es meine Haut ist. Zumindest für den einen Moment. Wie lange noch? Ich kann nicht warten.
Ich kann nicht warten. Aber ich muss. Und bis dahin… Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht mehr. Ich versuche, mich zu finden. Auf allen Wegen. In allen Ecken. Hinter jedem Baum.
Aber. Ich finde mich nicht.
Paradox.
Ich bin paradox.
Alles ist paradox.
Und ich weiß gar nicht, ob ich bin. Da hilft auch kein „Cogito, ergo sum“ oder ein „Memento mori“.
Ohne zu wissen, wer ich bin, was ich bin, wo ich bin, kann ich auch nicht bedenken, dass ich sterben werde. Aber ich suche nach Lösungen.
Im Moment sind aber die einzigen zwei Lösungen, die ich sehe, vor einem Publikum zu stehen und meine Texte vorzutragen oder aber fließende Rosenblätter. Kurzfristige  Lösungen. Nichts für die Ewigkeit. Oder etwa doch?

Ich empfehle, nach diesem Text das Gedicht „Regen“ zu lesen.

Zu den Texten, die ich bei der Lesung im September 2016 (in einer bestimmten Reihenfolge) vorgetragen habe, gehören außerdem folgende Texte und Gedichte:

Foto: Julia Stumpf

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