Fata Morgana

Fata Morgana. Foto: Aleksej Baikov
Foto: Aleksej Baikov.

III.

Ich treibe im Meer.
Ich habe mich verloren.
Ich singe das Lied aus meiner Kindheit,
ich singe es anstelle meiner Mutter.
Es ist ein Wiegenlied.

Ich kann nicht einschlafen.
Ich bin verloren.
Im Meer treibe ich alleine,
im Meer singe ich für mich alleine:
Wer singt, der kann nicht schlafen.

Die Wellen wiegen mich,
das Meer will meine Mutter sein.
Die Möwen rufen mich:
Breite doch deine Flügel aus!
Wo sind deine Flügel?

Ich habe keine.
Ich bin nur ein Mensch,
den man ins Wasser geworfen hat.
Vertrauen kann man nicht,
denn der Verrat ist sicher.

Liebe ist nur eine Fata Morgana
im Sonnenaufgang der Wüste.
Alles verspricht sie dir und du liebst:
doch am Ende verdurstest du.
Auch der Sand löscht deinen Durst nicht.

Sie verspricht dir Wasser in der Wüste.
Sie verspricht dir Steppe mitten im Wald.
Sie verspricht dir ein dich tragendes Meer.
Sie verspricht dir Sonne und Regen –
aber vor allem verspricht sie das, was dir fehlt.

Ich habe Durst.
Das Meer ist meine Heimat.
Das Meer ist eine Fata Morgana.
Es wird mich trinken, es wird mich fressen.
So liebt das Meer: Es verschluckt dich.

II.

Du bist nicht ehrlich.
Du sagst mir nicht,
dass du eine Fata Morgana bist.
Du sagst mir auch nicht wie das Meer,
dass deine Liebe das Verschlucken ist.

Du versprichst mir Wasser in der Wüste.
Du versprichst mir Steppe mitten im Wald.
Du versprichst mir ein mich tragendes Meer.
Du versprichst mir Sonne und Regen –
aber vor allem versprichst du das, was mir fehlt.

Ich bin deine Beute, Herr Wolf.
Ich bin das Rotkäppchen im Tannenwald.
Mit offenem Herzen begegne ich dir –
du wirst es im Moment meiner Schwäche ausweiden.
Du wirst mich fressen.

Der Tannenwald ist aber die Wüste,
du meine Fata Morgana
und meine Augen sind noch nicht geblendet,
noch nicht verbrannt:
Ich kann lieben, aber ich kann auch fürchten.

Ich fliehe.

I.

Du lehrst mich, ich zu sein.
Die beste Version meiner Selbst.
Ich war verirrt, ich war verloren
in einer fremden Welt,
aber du hast mir ein Zuhause gegeben.

Ein Zuhause auf den Wiesen und Feldern,
inmitten des Waldes und am Strand,
sogar in der Stadt gibst du mir ein Zuhause.
Die Wahrheit bist du, eine wahre Seele,
fast schon zu wirklich, um wahr zu sein.

Wir betrachten den Mond Friedrichs,
und verstehen, dass unser Zuhause nahe ist,
fast greifbar nah.
Unsere Seelen fliegen auf, fliegen höher,
wir haben es fast geschafft.

III.

Ich singe immer noch.
Du bist jetzt das Licht,
ich sollte dein Krieger sein.
Für die Erde in meinem Grab
sollte ich kämpfen.

Deine Liebe war nur eine Fata Morgana,
das Fliegen nur ein Spiel,
dein Respekt die Schaufel:
Ein Grab steht jedem zu, auch mir.

Du hast nur vergessen,
dass ich nicht begraben werden will.
Du hast vergessen,
dass das Meer nicht nur mein Leben ist –
es wird auch mein Tod sein.
Du hast vergessen,
dass ich nicht geblendet bin von der Sonne,
weil ich oft im Schatten stehe –
ja, in der Wüste gibt es mehr Schatten als du denkst.
Ich finde sie in mir.

Ich bin selbst ins Meer geflohen,
zu früh vielleicht,
vielleicht habe ich mich geirrt.
Aber du machst mir Angst, Herr Wolf,
du Fata Morgana.
Was ist wahr, was ist gelogen?
Ich weiß es nicht.

Im Meer findest du mich nicht,
im Meer bin ich sicher.
Vor dir und auch vor mir. –
Schlaf, meine Freude, schlaf ein…


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