Ein Gedankencocktail am Abend [Mandelstam und ich]

13.03.2019

Da saß ich drei Stunden sinnentleert vor dem Notebook. Der Bildschirm war aus, obwohl er an sein sollte. Ich wiederum sollte Mandelstams „Notre Dame“ analysieren. Stattdessen hörte ich Gedichte, Musik.

In meinen Gedanken war zu viel Stein – zu viel „kamen'“ -, ergo zu viel „Akmeismus“, dabei bin ich doch eigentlich Romantikerin, kafkaesk, Subjektivist oder einfach ich selbst und überhaupt Pessimist, mit allen Ver(w)irrungen und Tagen wie diesen, die mir jeden Fokus rauben, begonnen bei dem Wecker morgens, den ich unwillentlich überhöre, endend beim bildlosen Notebookbildschirm. (Ohne Bild wäre das ja ein Notebookschirm, also ein Notizbuchschirm. Schützt der Schirm vor Notizbüchern oder ist es ein Schirm für Notizbücher oder aus Notizbüchern? – oh, Moment, ich habe mich in Gedanken verloren.)
Ich verstehe diese Harmonie der Dinge nicht, die Mandelstam in seinem Manifest und seinen Architekturgedichten proklamiert, ich verstehe nicht, wie ein Gedicht sein kann wie Notre-Dame, obwohl ich ja bei ihm sehe, dass es funktioniert.
Aber meine Welt ist das nicht, meine Welt ist kein gotischer Bau. Meine Welt ist eine mittelalterliche Festung, von der nur eine Ruine übrig ist. Manche Teile der Festung in Daugavpils erinnern mich an meine Festung.

Sie steht mitten im Wald, in dem ich noch nicht meine eigene Lichtung gefunden habe. Ich mache nur Halt auf den Lichtungen anderer und verweile nur kurz, genieße den Anblick, die Ruhe, rupfe gedankenverloren Gras aus dem Boden und ärgere mich dann über meine Unachtsamkeit und Unliebe.
Ach, Mandelstam… Schönheiten hast du erschaffen, aber deine Steine, deine Worte und dein Notre Dame sind zu perfekt für meinen Verstand, als dass ich sie begreifen könnte, zu schön, als dass ich sie betreten dürfte.

Statt zu bauen möchte ich schreien, Anklage erheben gegen uns alle – so wie du später, Mandelstam, als dein Ideal zu bröckeln begann. Aber ich möchte anders schreien als du.

Ich möchte in die Natur, in den Wald, aufs Feld, ich möchte durch Schnee rennen, barfuß, und möchte mich auf dem Feld schlafen legen, warten, bis der Fuchs kommt und ihn begrüßen. Ich möchte eine Birke umarmen und ihr sagen, dass sie das einzige Wesen auf dieser Welt ist, das schweigt und mich doch heilt. Ich möchte jede Farbe beschreiben, jeden Duft, jede einzelne Kerbe in der Rinde. Ist das akmeistisch? Sicher nicht, denn meine Liebe zu diesen Dingen rührt nicht daher, dass ich diese Welt insgesasmt für äußerst liebenswürdig halte.

Und einschlafen würde ich, zu einer Musik, die von der Melancholie der Welt erzählt, von dem Grauen in ihr, von den einsamen Nächten im Schnee, um sie bis auf den Grund zu spüren und den Boden unter meinen Füßen sowie die Erde weit darunter.
Aber eigentlich fehlen mir Worte. Worte, um all‘ das so zu sagen, wie es in mir ist. Und in mir mischen sich gerade wieder zwei Sprachen – so wie ganz früher, auf dem Dorf. Auf Deutsch kann ich das kompensieren. Aber das Schlimme ist, das mir spontan die Worte fehlen, um das alles hier auf Russisch zu sagen – nicht irgendjemandem, sondern mir selbst, mir selbst, mir selbst.


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