Immer meer-Fragen und verweht-verwaschene Antworten

Zerrissen

Plötzlich ist mein Kopf voller Wörter und ich weiß nicht, wohin damit. Es sind Wörter der Liebe und der Nicht-Liebe und der Was-Ist-Liebe.
Wörter der Vergangenheit, der Zukunft, der Gegenwart, des Was-wäre-wenn und des Hätte-ich-doch-nur.
Es sind Fragen. Laute, leise, große, kleine.
Was mache ich heute-morgen-gestern? Warum bin ich noch hier? Warum schon? Warum überhaupt? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Kann ich lieben?
Oder glaube ich es nur zu können?
Ich versuche, all‘ dem auf den Grund zu gehen. Oder weg zu gehen.
Ich trinke das Wasser des Lebens, schmecke es und ertränke mich darin – und andere. Warum die anderen?

Jeden Morgen beginnt ein neuer Tag; gestern mit Sonne, heute mit Regen und ich glaube, dass es morgen wieder regnet.
Jeden Morgen sehe ich den Regen, bevor ich aus dem Fenster schaue. Und dann träume ich. Sehe die Sonne in meinen Träumen. Aber denke dabei, dass das Träumen zu nichts führt. Glaube ich das wirklich? Warum glaube ich überhaupt? Sind Hoffnungen schon die Voraussetzung dafür, dass Träume in Erfüllung gehen? Oder führen Hoffnungen dazu, dass ein Traum verloren geht?

Wie? Wo? Warum? Wer?
Wer bin ich? Wer will ich sein? Immer dieselben Fragen, immer dieselben Antworten. Mein Kopf ist voller Worte und ich kann sie nicht auf Papier bringen. Warum nur? Warum ist alles wieder so unklar? So unsichtbar?

Manchmal habe ich Antworten auf meine Fragen. Aber nur leise und kleine. Ich weiß, wie die Fragen lauten. Das weiß ich ganz sicher. Aber sind die Antworten die richtigen?

Ich bin noch hier, weil ich träume.
Ich bin schon hier, weil das jetzt meine Zeit ist.
Ich komme aus Kasachstan und Deutschland und bin nach Deutschland gegangen und werde irgendwann in eine andere Stadt gehen.
Ich kann lieben. Vielleicht nicht wirklich, aber ich kann das Gefühl empfinden, das ich immer für Liebe hielt.

Während ich versuche, Antworten zu finden, gehen mir Zitate durch den Kopf. Große, kleine, laute, leise. Immer noch das große Carpe diem und das kleine Memento mori.
Das große seltsame Leben und das ebenfalls große „Das Leben ist das schwierigste, das einem Menschen widerfahren kann.“
Das kleine Mädchen und das große „Ich renne“.
Die große, weite Welt und das kleine Zimmer.
Die großen Berge und wieder das kleine Mädchen.
Und erneut das kleine Mädchen zwischen zwei großen Welten:

Kasachstan und Deutschland.
Wahrheit und Traum.
Liebe und Freundschaft.
Gehorsam und Wille.
Gefühllos und intensiv
bin ich dazwischen und vereine zwiegespalten und entzwei geteilt Welten.

Zerrissen von Festland und Insel will ich das Meer. Immer mehr. Ich will meer sein, doch ich weiß, dass ich nicht vollkommen sein kann.
Ich muss mich entscheiden für Festland oder Insel, doch dazu muss ich zunächst wissen, dass ich gar nichts muss und muss wissen, was Festland und was Insel ist.
Wo bin ich sicher und frei? Wo ist die Zeit weiß und das Licht hell – für mich?
Wo ist Himmel und wo ist Erde?


Wo will ich sein?


Wer kann mich dorthin führen? Ich. Nur. Ich.

Und wieder höre ich das kleine Mädchen fragen: „Aber wie?


Heute hatte ich ein interessantes Gespräch über Fragen, die man als Mensch mit sich herumträgt – oder vielleicht auch nicht. Und da musste ich an diesen etwa ein Jahr alten Text denken. Ich schrieb ihn in einem wunderbaren Café in Wismar. In einem Café, dessen Name schon wunderschön in den Ohren klingt: „Café Glücklich“
Dort konnte ich sehr lange und sehr viel schreiben – und eben so einige Fragen notieren.
Heute „kramte“ ich diesen Text wieder heraus. Ich war mir nicht sicher, in welche Rubrik ich ihn packen sollte: Poesie oder Alltagsklänge? Jetzt steht er bei den Alltagsklängen, weil er Bestandteil eines Tagebuches ist, das ich in Wismar geführt habe und ein Bestandteil meiner Gedanken zu dieser Zeit war. Für mich also – wie der Name des Cafés in Wismar – ein Alltagsklang.
P.S.: Dieser Text war wie „Nach Hause?“ ein Bestandteil meiner Lesung im September 2016.

Foto: pixabay.com

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