Meine Gefährten

Bücher

Während des Packens denke ich darüber nach, welche Bücher ich mitnehmen soll. Bücher sind für mich ein Stück Zuhause, etwas, in das ich mich versenken kann, wenn ich aus der Realität fliehen möchte und damit gleichzeitig etwas über die Realität verstehen möchte. Deshalb habe ich die Bücher, die ich letztendlich mitnehmen werde, liebevoll meine Gefährten genannt.

Schon vor einer Woche habe ich mir aus meinen Regalen ein paar Bücher zurechtgelegt, die ich gerne mitnehmen würde. Nun muss ich mich aber entscheiden, denn alle Bücher werde ich nicht mitnehmen können: Dazu reicht zum einen das zugelassene Gewicht für das Gepäck nicht, zum anderen reicht auch der Platz in meinem Gepäck nicht. Wer gehörte aber zu meiner ersten Wahl?

Judith Schalansky: „Verzeichnis einiger Verluste“

Auf dem Bild ist es nicht zu sehen, aber auch das Buch gehört zu meiner engeren Auswahl: „Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky. Dieses Buch habe ich vor kurzem zufällig in meinem Lieblingsbuchhandel in Bad Sooden-Allendorf gefunden und mitgenommen, ohne zu wissen, wovon es eigentlich handelt. Mittlerweile habe ich angefangen, es zu lesen: In ihrem Buch erzählt die Autorin von dem, was im Laufe der Zeit auf der Welt verloren gegangen, was verschwunden ist, und erweckt es damit zu neuem Leben. Da meine Reise einen „Verlust auf Zeit“ darstellt, gepaart mit dem Gewinn neuer Erfahrungen und neuem Wissen, halte ich dieses Buch für einen geeigneten Gefährten auf meiner Reise.

Pascal Mercier: „Nachtzug nach Lissabon“

Auch nicht auf dem Bild zu sehen ist Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon“. Ich zitiere den Klappentext:

Raimund Gregorius, Lateinlehrer, lässt plötzlich sein wohlgeordnetes Leben hinter sich und setzt sich in den Nachtzug nach Lissabon. Im Gepäck: das Buch des Portugiesen Amadeu de Prado, dessen Einsichten in die Erfahrungen des menschlichen Lebens ihn nicht mehr loslassen. Wer war dieser Amadeu de Prado? Es beginnt eine rastlose Suche kreuz und quer durch Lissabon, die Suche nach einem anderen Leben und die Suche nach einem ungewöhnlichen Arzt und Poeten, der gegen die Diktatur Salazars gekämpft hat.

Ausgabe: Hanser-Verlag, 42. Aufl. 2011

Spricht dieser Klappentext nicht schon dafür, dass es auch auf irgendeine Art und Weise zu meiner Reise passt?
Meine Mutter empfahl mir das Buch, nachdem sie den Film gesehen hat, mein Therapeut, nachdem ich ihm erzählt habe, dass ich es mir gekauft habe. Ich kenne weder Film noch Buch. Aber auch ich verlasse mein scheinbar wohlgeordnetes Leben und gehe in ein fremdes Land. Vielleicht habe ich dann ja im Gepäck das Buch von Pascal Mercier, der mir mit seiner Lektüre dabei hilft, „Einsichten in die Erfahrungen des Menschen“ zu erlangen und vielleicht ein anderes Leben zu finden.

Victor Hugo: „Die Elenden“

Dieses Werk von Victor Hugo ist besser bekannt unter dem originalen Namen „Les Misérables“, vor allem wegen der Musical-Verfilmung, die im Jahr 2012 erschienen ist. Abgesehen von der Tatsache, dass genau dieser Film zu meinen Lieblingsfilmen gehört, ist Victor Hugo auch noch ein Vertreter der Romantik und deshalb für mich, die sich als „heutige Romantikerin“ sieht, ideal. Auf jeden Fall habe ich aber eine starke Affinität zur Romantik, da ich dort viele eigene Gedanken und Gefühle wiederfinde. Die (schwarze) Romantik gibt mir das Gefühl, dass ich nicht die einzige mit meinen Gefühlen auf meiner Suche nach etwas außerhalb der greifbaren Welt und nach einem „Zuhause“ bin. Victor Hugo verbindet dabei in „Die Elenden“, so scheint es mir zumindest durch den Film, romantische Ideen und wichtige Gesellschaftsfragen, die natürlich vor allem zu seiner Zeit aktuell waren, meiner Ansicht nach aber auch bis heute aktuell sind. In Victor Hugo finde ich somit nicht nur einen Romantiker, sondern auch einen gewissen Revolutionär, der sich zu seiner Zeit übrigens unter anderem für die Urheberrechte eingesetzt hat – und damit für den Individualismus.

Thomas Mann: „Der Tod in Venedig“

Thomas Mann! Einer der wichtigsten Schriftsteller für mich persönlich. Angefangen hat es in der Schule mit „Mario und der Zauberer“. Im Studium war es „Tonio Kröger“, persönlich habe ich für mich „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ entdeckt. Und das ist auf jeden Fall zu wenig! Ich liebe den komplexen Schreibstil Thomas Manns, eines Schriftstellers, der sich an den großen Realisten des 19. Jahrhunderts (z.B. Lev Nikolajevič Tolstoj und Theodor Fontante) ein Vorbild genommen hat, sich aber auch nicht gescheut hat, andere Elemente einzubauen. In seinen Werken entdecke ich auch viele psychologische Elemente, die ich besonders interessant finde. Das Werk „Der Tod in Venedig“, nach meiner Mutter und auch wortwörtlich als ein Klassiker zu verstehen, habe ich aber noch nicht gelesen.

Heinrich Mann: „Professor Unrat“

Heinrich Mann, der ältere Bruder von Thomas Mann, hat nie die Beachtung geschenkt bekommen, die er verdient hätte. Auch ich habe, ehrlich gesagt, noch nie ein Werk von ihm gelesen. Und vielleicht sollte ich genau deshalb eines seiner bekanntesten Werke, die Gesellschaftssatire „Professor Unrat“, endlich lesen. Dieses Werk wurde erstmals 1930 unter dem Titel „Der blaue Engel“ verfilmt, später auch noch mehrfach.
Wäre es nicht nur fair, auch dem Bruder von Thomas Mann endlich mal eine Chance zu geben? Ich denke, jeder aus der Familie „Mann“ hat eine Chance verdient. Vor allem, wenn ich in Lettland bin und quasi als „Außenseiterin“ (da ich von außerhalb komme) wie Heinrich Mann im Schatten stehen könnte.
Hinzu kommt natürlich auch die antiautoritäre Einstellung Heinrich Manns, die meinem Gemüt zu jeder Zeit guttun könnte.

Arthur Schopenhauer: „Werke 1“

Erst vor kurzem habe ich Arthur Schopenhauer durch ein paar seiner Zitate für mich entdeckt. Vor allem waren es die folgenden zwei Zitate:

Man hat in der Welt nicht viel mehr als die Wahl zwischen Einsamkeit und Gemeinheit.

Arthur Schopenhauer

und

Düsterer Pessimismus? Das Gegenteil anzunehmen wäre ruchloser Optimismus.

Arthur Schopenhauer

Diese zwei Zitate haben mir gezeigt, dass es in Ordnung ist, Pessimistin zu sein. Ich bin nun mal so. Und das hat dann auch nichts mit dem zu tun, weshalb ich seit vier Jahren beim Psychotherapeuten bin. Als ich bei meiner ersten Bücherauswahl in meine Regale geschaut habe, habe ich eine zweibändige Ausgabe von Arthur Schopenhauers Werken entdeckt. Zwei Bände mitzunehmen wäre sowieso zu viel, aber ein Band könnte zumindest theoretisch Platz in meinem Koffer finden.
Weil ich erkannt habe, dass ich nun einmal eher den Pessimisten zugeordnet werden muss, denke ich, dass Schopenhauer ebenfalls ein guter Gefährte für meine Reise wäre, wenn ich mich mit meinen negativen Gedanken, die ich dort vielleicht haben werde, alleine sein werde. Denn dort, vor Ort, werde ich sie niemandem so mitteilen können wie hier, meinen engsten Freunden.

Sigmund Freud: „Werkausgabe in zwei Bänden. Band 1: Elemente der Psychoanalyse“

So lang wie dieser Titel scheint, ist vielleicht auch der Inhalt dieses Werks. Schon mit 14 Jahren habe ich mir das erste Lesebuch von Sigmund Freud bestellt, ein Abriss seines Gesamtwerks. Damals habe ich versucht, es zu lesen, aber es war doch zu schwer für mich, obwohl ich schon immer einen Hang zu schwierigen Werken hatte und gerne Klassiker gelesen habe.
Das hier war aber kein Schiller und kein Goethe: Es war pure Psychoanalyse nach Freud.
Jetzt halte ich mich für reifer und für offener der Psychoanalyse gegenüber. Wie sollte es auch anders sein, mache ich doch seit vier Jahren eine analytische Psychotherapie, die – na klar – ihren Ursprung bei Sigmund Freud hat. So, wie es bei Sigmund Freud auch war, liege ich dabei auf einer Couch und sehe meinen Therapeuten nicht. Und ich muss sagen: Es tut mir gut, so wie es ist.

In Lettland werde ich erstmals seit vier Jahren für mehrere Monate nicht zweimal wöchentlich zu meinem Psychotherapeuten gehen können. Trotzdem möchte ich weiter an mir arbeiten, gerade in einer Situation, wie ich sie in Lettland haben werde, denn mit meinem Auslandsaufenthalt werfe ich mich selbst ins eiskalte Wasser. Ein Mensch, der ständig und vor sehr vielem Angst hat, hat beschlossen, fünf Monate komplett auf sich allein gestellt zurechtzukommen. Ohne Ehemann, den man seit Jahren an seiner Seite hat, ohne Psychotherapeuten, ohne Familie, ohne die engsten Freunde, von denen man theoretisch weiß, dass man sie jeden Moment besuchen könnte.
Sigmund Freud könnte mir da vielleicht weiterhelfen, zumindest theoretisch. Ich könnte außerdem mehr über die Psychoanalyse erfahren, die mich eigentlich schon seit langem interessiert – wie gesagt, prinzipiell schon seit meinem vierzehnten Lebensjahr.

Welche Gefährten dürfen mitkommen?

Tja, und nun, ein Tag vor der Abreise, kann ich immer noch nicht entscheiden, welche (maximal zwei bis drei) Gefährten mitkommen dürfen. Sie alle wären, obwohl ich noch keines von ihnen gelesen habe, perfekt für mich und meine Reise, aber mein Koffer bietet leider keinen Platz für jeden einzelnen von ihnen.

Du kennst jetzt die guten Seiten meiner Gefährten. Vielleicht willst du für mich wählen?
Und schließlich die Frage, die wir alle schon kennen: Für welche zwei, drei Bücher würdest DU dich entscheiden, wenn du für eine lange Zeit fortgehen würdest? Oder, wenn Bücher für dich keine Gefährten darstellen: Was wären denn deine Gefährten?


Foto: Julia Stumpf

Weitere Beiträge findest du in der Unterkategorie: Auslandssemester in Lettland.

1 Kommentar

  1. Hallo Julia,
    vielen Dank, dass Du mich durch Deinen Kommentar auf meinem Blog so lebendig auf Dich und Deinen Blog aufmerksam gemacht hast.
    Toll, dass Du schreibst!
    Und mich wieder an den „Tod in Venedig“ erinnerst…
    … ist reisen nicht ein ganz klein wenig wie sterben?
    Als ich letzten November in den Bus ins Baltikum einstieg, hatte ich dieses Gefuehl.
    Ja, gerne, lass uns treffen hier in Daugavpils, auf bald, Detlev

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