[mor] – In Gedenken.

[mor]
In Gedenken an die Menschen, die dem Holodomor, der Großen (menschengemachten) Hungersnot 1932/33 in der Ukraine und im Nordkaukasus zum Opfer fielen.
In Gedenken an alle Menschen, die zu der Zeit in verschiedenen Ländern an Hunger litten und an die Menschen, die heute an Hunger leiden müssen.
Überhaupt in Gedenken an die Opfer aller Kriege und aller anderen Grausamkeiten, die von Menschen im Laufe der Zeit begangen wurden und immer noch begangen werden.

Außerdem widme ich das Gedicht allen Menschen, die sich erinnern.

Nach der Schlacht,
dem Abschlachten
fremder Körper und Seelen,
nach dem Kampf
mit Hunger und Stärke,
mit Waffen und Panzern,
mit dem Gesetz,
nach dem Kampf mit der Dunkelheit,
dem Grauen und Braunen,
kehre ich heim.
Außen stark und innen zerstört.

In der Ferne steht eine Kathedrale:
weiß, und groß wie eine ganze Welt,
hoch über und tief unter
dem Schauplatz des Grauens.
Und ich unter ihr
auf dem schwarzen Asphalt
einer fast leeren Straße
am Rande des Grauens,
beginnend im Chaos und Feuer,
endend im Schwarz;
ein paar Leichen liegen noch
um mich herum,
alte Wagen aus dem letzten Jahrhundert.
Um mich herum schwarzer Asphalt,
der wilde Wald,
der Wohnblock
aus dem letzten Jahrhundert,
mein Heim auf Zeit.

Die Kathedrale im feuerroten Sonnenuntergang vor mir
blendet meine kranken, verbrannten Augen,
weckt den versteckten Schmerz.
Und das Herz beginnt zu weinen –
die Augen endlich auch.

Ich falle auf den Boden,
mit den Knien zuerst.
Jemand fängt mich auf,
stellt mich auf –
ich bin nur noch eine weinende Puppe.
Menschen und Puppen weinen
und schreien um die Toten,
die Verstorbenen, die Ermordeten,
die niemals wieder zurückkehren werden.

Nur noch wir.
In einer fremden Welt.
Eine fremde Kathedrale
als Licht am Ende der zerstörten Welt.
Und wir gehen schlafen,
ohne schlafen zu können.
Denn auch wenn nicht unsere Haut blutet,
so doch unsere Herzen und Seelen,
verletzt durch all das Leid,
das uns und die anderen
und die Welt eingeholt hat.

Verloren in einer neuen fremden Welt
wachen wir am nächsten Morgen auf.
Alles ist vorbei,
nur noch der Schatten des Grauens
benetzt die leere neue Welt.
Wir könnten etwas neues errichten,
sagt uns eine höhere Stimme.
Neu anfangen.
Eine bessere Welt ohne Ruinen schaffen.

Wir schaffen eine Gedenkstätte.
Errichten sie mitten in der Natur,
in der Leere.
Wilde Ziegen und Pferde streiten um das verbliebene Gras,
Ponys um den Platz auf einer kleinen Brücke,
bevor sie ins Wasser fallen
und dort weiter kämpfen und beißen.
Wir blicken auf Statuen alter Leichen,
ausgegraben, um zu mahnen,
Angst zu schüren.
Ich erkenne das Skelett.
Ist das nicht Grigory, der Edle?
Er starb durch eine verrückte Welt,
verrückt durch das Gesetz.
Verrückte Straßen, zerstörte Ruinen
begruben ihn.
Wir gruben ihn wieder aus.
Und da, das dort,
das sind alte Stücke aus der alten Welt.
Kannst du dich noch daran erinnern?
Unsere Kinder und Kindeskinder
werden sie nicht mehr kennen.
Sie werden wachsen,
aber in eine neue Welt.
Und die Tiere sind wild geworden,
verrückt von der alten Welt,
vergiftet, eingepfercht, umgebracht.
Sie sinnen auf Rache,
seht sie an und erinnert euch –
doch streicheln dürft ihr sie nicht.
Sie werden beißen, sie sind tollwütig
wie diejenigen, die sie vergiftet haben.

Komm, lass uns über diese Brücke
mit den Ponys gehen,
lass uns mutig sein,
Hand in Hand über verhungerte
und ertrunkene Leichen gehen,
lass uns noch einmal diesen Schmerz
voll und ganz erleben,
uns erinnern,
ihnen allen gedenken.
Lass uns weiter schwarze Kleider tragen,
bis zu unserem Tod.
Unsere Liebsten haben wir verloren,
uns selbst haben wir verloren,
wir finden uns nur noch in diesem Schmerz.

Vielleicht leuchtet die Kathedrale einmal auch bis hierher,
bis in dieses Land,
dieses fremde und nicht unsere.
Vielleicht finden wir sie einmal wieder,
graben auch sie aus.
Weißt du noch, wo sie stand?
Unter und über der Stadt des Grauens.
Wo war sie nochmal? Warum
waren wir dort? Wo
waren wir vorher?
Erinnerst du dich? Ich nicht.
Ich kann mich nur noch
an das Chaos erinnern,
an die Angst,
das Blut,
die Waffen,
die schreienden Menschen,
die nackten Leichen auf den Straßen
und die Verschiebung der Wege,
die Grigory ermorderten.
Weißt du noch,
die Ruinen, die Häuser
ohne Fenster und Dächer?
Wir auf dem Boden,
uns versteckend und schützend
an die Wand gelehnt.
Die Musik, die durch Schreie und
Schüsse und Bomben und Hunger
nur wie andere, weitere Schreie klang.

Wo gehen wir nun hin,
wenn wir die kleine Brücke überquert haben?
Wir bleiben hier.
Wir erinnern uns weiter an den Kampf
in der Dunkelheit,
im Grauen und im Braunen,
in den trostlosen Farben des Sterbens.
Wir erinnern uns weiter an die Toten,
an das Leiden.
Wir denken weiter an das Blut
und die Leichenstraßen,
an unsere Ruinen.
Wir fragen uns weiter, warum wir
überlebt haben
und nicht die anderen.
Wir errichten in der leeren Welt
keine neue Menschenwelt, und keine alte –
denn sonst wiederholt sich alles noch einmal.
Und wir suchen auch nicht die Kathedrale,
und sie wird auch niemals bis hierher leuchten,
denn sie war nur eine Fata Morgana im Untergang der Welt.

Wir bleiben hier.
In schwarzen Kleidern,
gehen unsere Runden über diesen
Friedhof unserer alten Welt
und warten,
bis die Ziegen und die Pferde uns fressen,
dafür, dass wir niemanden anderen als uns
und nichts anderes als das hier
retten konnten.


Informationen über den Holodomor auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung findest du über diesen Link.

Foto: Julia Stumpf.

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