Übermalt

Zerstörte Stadt - Übermalt

Als ich Anfang Oktober in der St. Peter-und-Paul Garnisonkirche in L’viv stand, vergaß ich, dass ich mich in Kirchen meistens unerwünscht fühle. Im linken Flügel stand ich, an einer errichteten Gedenkstätte für die im jetzt stattfindenden Krieg in der Ostukraine gefallenen Soldaten. Die Gefühle überwältigten mich. Ich wusste schon in der Kirche, dass ich darüber werde schreiben müssen, weil es mich sonst nie loslassen wird. Im Gedicht „Übermalt“ versuche ich, über den Krieg zu schreiben ─ so, wie er sich mir in der Kirche gezeigt hat.

„Sie haben ihr Leben für das Vaterland geopfert.“

Wandtafeln mit Fotografien von gefallenen Soldaten stehen an die Kirchenwand gelehnt. Das Wort „Vaterland“ wird hier ganz anders konnotiert als in Deutschland – das muss unbedingt bedacht werden, wenn man Zeilen wie die Folgenden liest:

Вони віддали життя за Батьківщину.
– Vony viddaly žyttja za Bat’kivščynu.
Sie haben ihr Leben für das Vaterland geopfert.

Für ihr Vaterland haben Männer im mittleren Alter ihr Leben geopfert, Familienväter. Andere waren jünger als ich, als sie starben Söhne.
Manche waren vorher vielleicht Opernsänger wie Vasyl‘ Jaroslavovyč Slipak, manche vielleicht Studenten, Auszubildende, Arbeiter.
Sie alle waren aber Familienmitglieder.

Übermalt
St. Peter-und-Paul-Garnisonkirche, L’viv (Lemberg), Ukraine

Ihnen gegenüber hängen Fotografien ihrer Kinder: Dreizehn, elf, fünf, drei Jahre alt. Sie blicken in die Kamera, manche versuchen zu lächeln. Unter den Fotografien stehen Zitate der Kinder. Oljas Zitat ist eines derjenigen, die mich am stärksten berühren irgendwie kann ich mich damit identifizieren. Vielleicht, weil sie ein Mädchen ist? Vielleicht, weil sie ähnliche Gefühle hat, wie ich?

Я не хочу тата Героя ─ я хочу, щоб мій татко повернувся додому…
─ Оля, 11 років

Ich will nicht, dass Papa ein Held ist, ich will einfach nur, dass mein Papa nach Hause zurückkehrt…
─ Olja, 11 Jahre

Und Pylyp, fünf Jahre alt, hasst den Krieg:

Чому війна забрала мого тата? Ненавиджу війну!!!
─ Пилип, 5 років

Warum hat der Krieg mir meinen Papa genommen? Ich hasse den Krieg!!!
─ Pylyp, 5 Jahre

Die Jungen werden zu den Familienoberhäuptern, mit dreizehn Jahren. Sie werden nicht dazu gezwungen, sie verstehen sich als solche. Es erinnert mich an meinen Onkel, der ebenfalls als Kind die Tätigkeiten des Vaters übernehmen musste, nachdem dieser früh verstorben war. Das Schicksal dieses Jungen erscheint mir nur noch schrecklicher, weil es jetzt ─ heute ─ passiert. In einer Welt, in der wir uns in Deutschland sicher und geborgen fühlen. Wir müssen nicht um unsere Existenz, nicht real um unser Leben fürchten, jeden Morgen, wenn wir aufstehen.

Я не маю права здаватися і буду йти вперед попри всі перепони, тепер я ─ захист і оборона моїх дівчат ─ мами і сестрички.
─ Ярослав, 13 років

Ich habe nicht das Recht, aufzugeben und werde immer weiter gehen, ungeachtet aller Hindernisse. Jetzt bin ich der Schutz und die Verteidigung meiner Mädchen ─ für Mama und mein Schwesterchen.
─ Jaroslav, 13 Jahre

Ich stehe in dieser Kirche, in diesem einen Flügel, ich sehe die Fotografien, die Worte kleiner Kinder, die vielen jungen Gesichter, verwickelt in einen Krieg. Die Väter, die wahrscheinlich das Beste für ihre Familie wollten. Die Gesichter unserer Zukunft, die Kinder, immer wieder diese Kinderaugen.

Ich brauche nicht lange, um zu weinen. Es zerreißt mein Herz, das alles zu sehen. Es zerreißt meinen Verstand, weil man „Krieg“ nicht verstehen kann. Und ich will das versuchen? Immer wieder versuchen. Ich werde ein Gedicht schreiben müssen, das weiß ich in der Kirche. Ich werde es schreiben müssen, damit es hilft ─ allen Betroffenen. Ich werde es schreiben müssen, damit es aufklärt ─ alle, die nichts von dem Krieg wissen, der wirklich und immer noch in der Ukraine stattfindet und in dem Menschen auf beiden Seiten sterben, immer wieder, immer weiter. Heute, jetzt. Menschen wie ihr und ich. Sie sterben heute in einem Krieg.

Das Gedicht „Übermalt“ ist lediglich ein Versuch, den Krieg, den ich in der Kirche gespürt habe, in Worte zu fassen. Alles wird nie in Worte und Gedichte zu fassen sein.


Übermalt

Es ist leicht, Soldaten für den Krieg zu opfern.
Leicht, sie dort zu verlieren.
Altes wird durch Neues ersetzt, ganz einfach.
Altes wird mit neuen Farben übermalt.
Übermalt wird alles mit neuen Farben,
immer wieder,
bis man die alten nicht mehr sieht.

Und die Kinder stehen dort in der Kirche
unter den blutigen Kreuzen der Märtyrer
und weinen trocken, lachen unter Tränen.
Ersticken an dem Duft von Weihrauch,
der die Väter nicht mehr wiederbringt.
Sie werden nicht mehr auferstehen.
Sie haben gesündigt.
„Du sollst nicht töten.“ ─ „Ich habe getötet.“

Ihre Seelen haben diese Männer geopfert:
Jetzt noch irren sie auf dem Schlachtfeld,
suchen ihren Bruder, den Freund, den Vater,
suchen in den Häusern auch die Frau, die Mutter,
die ihren Körper schützend über das Kind legte,
als die Bombe vom rauchverhangenen Himmel fiel.
Der Körper zitterte, ihr Mut nicht eine Sekunde –
sie fürchtete nicht den Tod.

Vater, Mutter, Kinder.
Eine traditionelle Familie, gepredigt
von der Kanzel, vom Pult, vom Parlament
und schließlich zerstört im blutigen Krieg.
Den Vater trägt die Mutter zu Grabe,
der Tod lastet schwer auf ihren Schultern.
Die Kinder bleiben verwundet zurück
und lernen Entsichern, Laden, Schießen.
Wachsen auf, werden Ehemänner und -frauen,
Väter und Mütter,
ziehen in den Krieg, geraten in ihn,
sterben, leiden, tragen die Särge zu Grabe.

Es ist leicht, Familien dem Krieg zu opfern.
Leicht, sie dort zu verlieren.
Altes wird durch Neues ersetzt, ganz einfach.
Altes wird mit neuen Farben übermalt.
Übermalt wird alles mit neuen Farben,
immer wieder,
bis man die alten nicht mehr sieht.


Beitragsfoto: pixabay.de
Foto aus der Kirche in L’viv: Julia Stumpf

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