Lettland/Latvia – Ein Stück Lettland: Ein kleiner Bericht, Fotografien und Gedichte

Sigulda, Latvia
Fotograf: Aleksej Baikov

Latvia – Das Land der Natur, des Meeres, der Wälder, der Kultur und der Kulturen.

Lettland – Latvia – ist ein Land der Romantik, würde ich nach meinem Aufenthalt dort im September 2017 behaupten.
Ich habe Riga gesehen, ich habe den Strand und das Meer in Majori gesehen, ich habe viel Zeit in Daugavpils verbracht und einen Tag in Sigulda. Ich hatte das Gefühl, dass ein Stück von mir nach Hause gekommen ist.
Es leben wunderbare Menschen in Lettland und ich habe meinem Empfinden nach Unglaubliches dort erlebt.

Ich schenke euch ein Stück Lettland: Fotografien von Aleksej Baikov, die weiße Birke und einen Abschied.


Sigulda, Latvia
Gaujatal. Fotograf: Aleksej Baikov
Sigulda, Latvia
Rennrodel- und Bobsleighbahn in Sigulda. Fotograf: Aleksej Baikov

Lettland ist multikulturell: Viele Ethnien leben in diesem Land und bringen verschiedenste Kulturen zusammen. Traditionen werden in Lettland nicht vergessen, aber auch Neues wird gerne angenommen. Lettland ist einfach vielseitig.
In diesem Land habe ich auch einen sehr guten Freund gefunden, der außerdem nicht nur ein Student der Philologie ist wie ich, sondern auch ein Fotograf. Er hat mich dazu motiviert, mir den Traum von einer Spiegelreflexkamera zu erfüllen, weshalb ihr in Zukunft auch öfter von mir geschossene Bilder sehen werdet.
Die Fotografien zu diesem Beitrag hier stammen aber von ihm, von Aleksej Baikov, und wurden in Sigulda geschossen.

Sigulda, Latvia
Auf einem kleinen Markt unterhalb der Burg Turaida. Fotograf: Aleksej Baikov
Sigulda, Latvia
Museumsreservat Turaida. Fotograf: Aleksej Baikov
Sigulda, Latvia
Fotograf: Aleksej Baikov

Sigulda

Der Tag in Sigulda war für mich der schönste.

Drei Stunden fuhren wir auf einer Autobahn, die aussieht wie eine Landstraße, und an deren Rand ich Bauern mit Ochsen entlanggehen sah, und Fahrradfahrer, die ihre Fahrradtour unternahmen. Bäume fuhren an uns vorbei, Bauernhöfe, bebautes und unbebautes Land, Wälder.

Und dann, in Sigulda, waren wir zuerst an einer Rennrodel- und Bobsleighbahn. Aber wir waren nicht dort, um Bob zu fahren, nein – wir waren dort, um vom hohen Gebäude herab in das Gaujatal zu schauen und um ein Stück der Fahrbahn von oben herunterzugehen.
Seltsamerweise war das schon atemberaubend für mich – vielleicht, weil ich noch nie so eine Bobsleighbahn gesehen, geschweige denn betreten habe?

Burgen, Schlösser, Naturpark von oben

Nach nur etwa einer halben Stunde waren wir dann schon am nächsten Ort: Am neuen Schloss Sigulda und der Ruine der Livländischen Ordensburg Sigulda, die direkt nebeneinander liegen und sich anschauen. Im Hof der Burgruine gibt es eine Bühne, auf der ich gerne eine Lesung gehalten hätte: Nur so, nur für mich.

Aber wir hatten auf eine andere Art und Weise unseren Spaß, indem wir uns auf der Bühne liegend und sitzend entspannten, die Atmosphäre der Burg und der uns umgebenden Natur genossen. Wir sprangen wie kleine Kinder auf der Bühne herum, kämpften mit unsichtbaren Schwertern und verbeugten uns dann vor unserem Publikum, das aus einem Menschen und einer Smartphonekamera bestand.
Wir pfiffen mit Hilfe von Grashalmen und diesen kleinen Deckeln von Eichelnüssen (Wusstet ihr, dass das funktioniert?!) und lachten sehr viel.

Wir wären so gerne noch länger da geblieben, aber sehr bald schon waren wir im Stadtteil Turaida (was uns allen auch sehr gefallen hat): Zunächst im Museumsreservat, zu dem nicht nur die Burg Turaida gehört, sondern noch viel mehr: Die alte Holzkirche, die Gedenkstätte der Rose von Turaida und eine Art Freiluftmuseum als großes, historisches Landgut.
Dieses Reservat bestand aus purer Natur und Natürlichkeit und Authentizität.

Im Kräuterhaus hätte ich am liebsten Stunden verbracht und an jedem Büschel der Kräuter gerochen, die mindestens eine ganze Wand des Hauses bedeckten. Die Frau darin erzählte, dass alle diese Kräuter in diesem Reservat wachsen und per Hand geerntet und getrocknet werden.
Aus dem Fenster beobachtete ich einen Mann in hohen Gummistiefeln, der in einen Teich ging, bis er hüfthoch im Wasser stand, um ihn mithilfe eines Netzes zu reinigen.

Anschließend waren wir auch noch bei den Gutmannshöhlen am Rande des Gauja-Nationalparks, wo die junge Frau Maija, von der die Legende „Die Rose von Turaida“ erzählt, ihr Leben für die Liebe und die Ehre geopfert haben soll.
Ich habe noch nie solche Höhlen gesehen – überall war etwas in die Höhlenwände geritzt, sie waren förmlich bedeckt von den Gravuren. Das ist kein Wunder: Die Gutmannshöhlen sind ja auch ein „Wallfahrtort“ für Liebende.

Auf dem Rückweg zu unserem kleinen Bus sprach ich mit Aleksej über Musik: Über russische Bands wie Nautilus Pompilus, Kino, DDT, Bi-2 und – ach, noch von so vielen Bands mehr. Dieses Gespräch weckte passend zur Umgebung und zur Sprache, in der wir sprachen, Kindheitserinnerungen.

Zum Abschluss des Tages fuhren wir in einer offenen Seilbahn und bestaunten dabei weiter die Wälder des Nationalparks von oben. – Hey, und auch das war eine neue Erfahrung für mich!
Während der Fahrt lernte ich ein russisches Wortspiel und stellte fest, dass die Übersetzung zu „Wortspiel“ auf Russisch kein Kompositum ist, sondern ins Deutsche zurückübersetzt „Spiel der Wörter“ bedeuten würde. Das klingt doch auch nicht schlecht, oder?

Sigulda, Latvia.
Neues Schloss Sigulda. Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Neues Schloss Sigulda. Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Neues Schloss Sigulda. Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Livländische Ordensburg Sigulda. Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Livländische Ordensburg Sigulda. Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Die Turaidaburg aus der Ferne. Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Burg Turaida. Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Burg Turaida. Fotograf: Aleksej Baikov.

Ein Tag für das Herz

Es war ein Tag voller Genüsse für das Auge und das Herz in all‘ seinen Ausdrucksweisen:
Mein Romantikerherz hat diesen Tag wegen der einzigartigen Natur und der Burgen genossen, wegen der Luft, wegen der Atmosphäre und dem Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. Es schien, als sei ich dem „stillen, ernsten Wort“ von Joseph von Eichendorff dort sehr nah gewesen.
Mein Kinderherz war glücklich, weil ich viel gelacht habe, neugierig sein konnte, albern und spaßen konnte.
Mein Philologenherz war glücklich, weil ich meine Sprachkenntnisse im Russischen testen konnte.
Und ein anderer Teil meines Herzens war glücklich, weil er über Musik sprechen konnte, die er von Kindheit an kannte und liebte – andere aber nicht.
Außerdem hat mir vor allem dieser Tag einen neuen guten Freund geschenkt, der sich schon an diesem Tag sicher war:

„Julia, wenn du das Fotografieren liebst, dann wirst du eine Spiegelreflexkamera besitzen – und das am besten so bald wie möglich!“

Sigulda, Latvia.
Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Museumsreservat Turaida. Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Kräuter-/Badehaus. Museumsreservat Turaida. Fotograf: Aleksej Baikov.
Sigulda, Latvia.
Burg Turaida. Ausstellung zur Geschichte der Burg. Fotograf: Aleksej Baikov.

Noch in Lettland, habe ich schon Gedichte geschrieben, beeinflusst von meinen Gefühlen und meinen Erlebnissen.
Wie war es am Meer? Wie war es, das Land wieder zu verlassen? Welche Gefühle löste Lettland aus und was trug die Luft dort mit?

So viel kann ich vorab sagen:

Die Lettlandreise, und vor allem der Tag in Sigulda, hat mich verändert. Ich bin als ein etwas anderer Mensch nach Deutschland wiedergekehrt – im positiven Sinne.

Ich möchte euch einen Eindruck von dem Land und von meinen Gefühlen geben – mit den Fotografien von Aleksej Baikov, die er in Sigulda gemacht hat, und zwei Gedichten von mir.

Vielleicht entscheidet ihr euch ja auch bald, nach Lettland zu reisen?


GEDICHTE


Weiße Birke

Am ruhigen Meer im fernen Osten
blicke ich zum weiten Horizont:
zu den Wolken, die sich wie Berge türmen
und unter denen das stille Wasser liegt.

Freie Stürme habe ich erwartet,
kalten Wind, mich treibende Wellen.
Doch die Wolken, die sich türmen,
sind, berührt man sie,
so weich wie Zuckerwatte.

Weiße, junge Möwen tummeln sich am Strand,
springen, tanzen, singen, schwimmen,
spüren unter sich den Sand,
und zwischen ihnen eine Krähe,
schwarz und dunkel wie die Nacht.

Es riecht nach Meer,
ich möchte springen,
springen kann ich aber nicht:
Die Freiheit ist nicht hier,
hab‘ ich begriffen:
sie ist gefangen in einem and’ren Land –

Vielleicht brauche ich auch
nur ein bisschen Zeit,
ein bisschen mehr Zeit,
ein bisschen mehr Zeit
für die Sandkörner
zwischen meinen Fingern,
Zeit für meine tiefen Tränen
und für meine Birkenseele,
die ich hier lassen muss
im fremden Land.

Und doch ist es Zeit
für ein letztes Abschied nehmen:
auf Wiedersehen, du fremde See,
auf Wiedersehen Daugava,
auf Wiedersehen, weiße Birke,
bis bald, meine liebgewonnene Latvia.


Sigulda, Latvia
Burgruine Sigulda. Fotograf: Aleksej Baikov
Sigulda, Latvia
Burgruine Sigulda. Fotograf: Aleksej Baikov

***

Ein Stück meiner russischen Seele
lasse ich in Lettland,
gib auf sie Acht.
Denke an sie,
wenn du die reinen, weißen Birken
vor einem dunklen Wald siehst,
und die Felder,
bedeckt mit einem Teppich
goldener Blüten.
Gib ihr den Duft von Freiheit zu atmen
und Tränen aller Trauer zu trinken.

Gib ihr Kindheit,
die auf Lichtungen tanzt –
elfengleich, zauberhaft.
Gib ihr Märchen,
die Träume zu Wahrheit wandeln,
Komödien
zum Lachen
und Tragödien
zum Weinen.


Porträtfotografie von Aleksej Baikov: http://baikov-photography.tumblr.com/

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